Auf ein Wörtchen

Es war still im Allgäu. Schön still. Zu still oft für meinen verspielten Charakter. Wo die Natur erhaben schweigt, sind auch die Menschen nicht zum Plaudern aufgelegt. Das heißt, man schwatzt (schwäbisch: schwätzet) schon, aber nur in Sicherheit. Im Verein. Im Kirchenchor. Am Gemüsestand auf dem Mittwochsmarkt. Mit Leuten, die man von jeher kennt. Mit Fremden redet man nicht. Vorsichtshalber. Wenn sich in der voll besetzten Eisdiele irgendwelche Passanten zu uns an den Tisch setzten („Ist hier noch Platz?“), dann waren es gewiss Touristen aus dem Ruhrgebiet. Von Alteingesessenen wurde mein rheinischer Drang zur ungeordneten Bemerkung – beim Einkaufen oder im Wartezimmer – selbst bei äußerster Harmlosigkeit („Ganz schön kalt draußen …“) mit missbilligendem Schweigen quittiert. Jetzt bin ich oft noch ganz überwältigt von den spontanen Äußerungen meiner Düsseldorfer Mitbürger. Als wir sonntags mal in einem jener Kioske, die den absurden Namen Trinkhalle tragen, den Killepitsch-Vorrat aufkauften („Hätten Sie noch ein paar Fläschchen?“), weil wir dringend Mitbringsel für unsere Allgäuer Freunde brauchten, wollte die Kiosk-Chefin gleich alles wissen: „Alljäu? Wie schön! Wo denn da? Meine Schwester, die hat ins Alljäu jeheiratet. Ins Bayrische. Ist aber wieder zurückjekommen.“ So ging es munter fort. Wir erzählten einander mal eben das Leben. Short version. Das ist hier üblich. Auch mischt man sich gern ungefragt ein. Das Anprobieren von Wintermodeschnäppchen (zugegeben, das kann ich gerade nicht lassen) führt häufig zu mehrstimmigen Debatten im Paradies der oberflächlichen Kommunikation. „Also, das steht Ihnen wirklich gut!“ „Für mich ist die Farbe ja gar nix.“ „Hat meine Tochter auch gesagt.“ „Versuchen Sie doch mal das Grüne!“ „Der Rock ist zu kurz, finden Sie nicht?“ „Ach nee, Sie haben doch schöne Beine.“ „Meinen Sie wirklich?“ „Na klar!“ Ja, ja, liebe Schwaben, das hat alles keine inhaltliche Substanz, aber ich mag es. Man fühlt sich nie allein in Düsseldorf, wo die niedliche junge Kellnerin im Café um die Ecke schon morgens zu ihren alten Stammgästen sagt: „Was darf ich dir bringen, Schatz?“ Da lächeln sie alle – obgleich es, natürlich, nicht ernst gemeint ist. Aber durchaus herzlich. Wenn ich’s still haben will, schön still, dann gehe ich eben nach Hause und setze mich an den Schreibtisch. Bis einer aus der Düsseldorfer Bande ans Fenster klopft. Und ich winke: Komm doch rein! Es gibt Espresso oder Prosecco und ein Schwätzchen. Damit es hier bloß nicht zu still wird …

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Glosse

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