Kein Land in Sicht

Mit der Queen Mary II. in sieben Tagen von New York nach Southampton

Das kalkulierte Abenteuer einer Kreuzfahrt ist lustig. In der Komfortzone eines Ozeandampfers schaukeln die Touristen massenhaft über die Meere. Wohlgenährt und warm getanzt erwarten sie den nächsten Hafen und freuen sich über eine risikofreie Spritztour durch fremde Welten. Aber wie fühlt sich das an, wenn es überhaupt keine Landausflüge gibt? Nichts als hohe See? Sieben Tage lang? Wir haben es ausprobiert und sind mit einem legendären Ozeanriesen, der Queen Mary II., von New York nach good old Europe gefahren.

Sonntag

Der erste Tag einer Seereise gilt nicht. Das Einchecken von zweieinhalbtausend Passagieren in zugig-grauen Hafenhallen ähnelt nun mal einem Einwanderungsverfahren, auch für Ladys and Gentlemen. Im Zickzack der Warteschlange irgendwo am Rand von Brooklyn füllen wir eine Gesundheitserklärung aus, wonach wir weder Ebola noch Husten haben, während eine eiskalt blasende Klimaanlage für die ersten Erkältungen sorgt. An Bord sucht man erst mal die Kabine, bangt ums Gepäck, schlabbert einen hastigen Lunch am Büffet (ich nehme zerkochtes Huhn mit Erbsen in weißer Soße, very British) und wird schon von der Sirene zur Notfallübung getrieben: Schnaufende Mitreisende der Notfallgruppe G umklammern ihre Schwimmwesten, humpeln die Treppen herunter und versammeln sich unter gebellten Anweisungen am G-Punkt auf Deck 7. Es kann nur schöner werden. Und das wird es, very beautiful: Zur Sail-away-Party am Pool präsentiert sich die Skyline von Manhattan unter blauem Himmel, die Luft ist karibisch warm, wir schwenken US-Fähnchen und singen im gut gelaunten Chor „New York, New York“, während die Freiheitsstatue uns hinterher winkt. Bye, America! Der Atlantik wartet.

Montag

7.30 Uhr: Der Balkon vor der Kabine ist nass. Kein Meer zu sehen. Nur diffuses Weiß. Die Queen fährt durch dichten Dunst. Ich öffne die Tür, es weht kühl herein. Das Nebelhorn dröhnt mit warmem Bass ins Unbestimmte, leise pfeift dazu der Wind. „Das find ich schön“, behaupte ich. Der Gatte geht erst mal duschen. Beim leichten Frühstückskampf am Büffet wird von einem grantigen Shortsträger das Wetter beklagt („lousy cold“). Wir wollen lesen und setzen uns in den angenehm temperierten Chart Room, wo Fiona auf der Harfe spielt und Herrschaften der Generation 80plus in den Fauteuils schlummern. Nur kurz schrecken sie auf, als ein brasilianisches Girl aus dem Juwelierladen einen Vortrag über die feurige Wirkung von Rubinen beginnt. Die Anzahl der gebrechlichen Passagiere auf der Transatlantik-Route ist auffällig hoch. Viele sitzen im Rollstuhl –  sie werden hier nicht durch zu anstrengende Landausflüge frustriert. Und eine Kabine an Bord eines elegant eingerichteten Ozeandampfers ist auch nicht teurer als ein Platz im gehobenen Pflegeheim. Ehe wir darüber ins Grübeln geraten, gehen wir zum Anfänger-Cha-Cha-Cha mit dem furiosen Tanzpaar Nadja und Vladimir. Der Gatte verhaspelt sich beim New-York-Step (auseinander, zur Seite, Wechselschritt) und fällt am Nachmittag in ein hartnäckiges Koma, das er Nickerchen nennt.

Dienstag

Heute schlafen wir länger, denn wir sind noch erschöpft vom Ball in der Disco, wo man im Abendkleid frei zappelte, verschont von den Herausforderungen der Cha-Cha-Cha-Fraktion. Das 35-Dollar-Porträt vor falscher Mondscheinkulisse, das ein bleiches Mitglied des Fototeams unter „Fantastic“-Rufen von uns fertigte, wollen wir auch mit Rabatt nicht kaufen. Unsere Selfies haben mehr Charme. Das Geschäft der Bordfotografen wird aussterben. Wir sind auch nicht mehr so richtig vital. Der Anblick des sanft und grau wogenden Ozeans sowie die Abwesenheit einer funktionierenden Internet-Verbindung machen müde. Statt zügig über das windige Außendeck zu walken, was der Sportsmann macht, bummeln wir über frisch gesaugte Teppichböden vom Royal Court Theatre, wo ein pensionierter TV-Moderator den Amerikanern das britische Königshaus erklärt, zur nächsten Bar, wo wir Apfelsaft trinkend das Mittagsläuten erwarten. Um 12 Uhr tönt die Schiffsglocke, damit wir, wie der humorvolle Captain Christopher Wells gestern durchsagte, wissen, wie viel Uhr es ist. Heute gibt er uns einen Zusatz-Thrill mit der Bemerkung, dass wir am Abend die finale Position der Titanic erreichen und sich durchaus Eisberge dort herumtreiben. Wie es sich gehört für britische Seefahrer, bewahren wir Haltung und ziehen uns fein an, um beim Captain's Dinner mit der deutschstämmigen Hausdame Andrea Kaiser ein wenig Konversation zu machen.

Konversation, die zentrale Herausforderung auf der Queen Mary. „Where do you come from“, woher kommen Sie? Das ist die Frage, mit der 1000 Amerikaner und 800 Engländer an Bord ein Gespräch eröffnen. Ein Professor aus Cambridge will mit uns über die Entstehung der Magna Charta plaudern, ein abstinenter mormonischer Kirchenhistoriker aus Utah verrät, dass seine stille Frau sich vor Wasser fürchtet, und ein bulgarisches Auswandererpaar, das vor 50 Jahren in New York sein Glück machte, fährt in die Heimat fährt, um Musiker zu unterstützen – „for charity, you see“.

Mittwoch

Rough seas today. Die See ist rau. Ich ziehe den dicken Mantel an, um dem Wind zu trotzen, doch: Das Außendeck wird gerade mal geschlossen. What shall we do, was machen wir da? Nach der täglichen Betrachtung der Handtaschenauswahl im Bordshop könnte man im Salon Sir Samuel's einen Jasmintee trinken und sich den kostenlosen Cookie des Tages verkneifen. An der Handarbeitsrunde mit Sozialhostess Imogen darf ich nicht teilnehmen, weil mir ein Strickzeug fehlt. Wir dösen ein bisschen im Kino, wo um die Mittagszeit ein Lehrfilm über die Beschaffenheit des Universums in eine Planetarium genannte Kuppel projiziert wird. Der Fünfuhrtee schmeckt leicht nach Chlor. Wir sind halt lange auf See.

Donnerstag

Immer noch windig und, wie der Captain bemerkt, „rough seas“. Schon packen die Boys vom Bordshop die Westen mit Puschelkragen aus, da wird es draußen heller, und wir dürfen ein wenig „unexpected sun“, unerwartete Sonne, erleben, bis der Himmel sich erneut bedeckt. Nach einem halben Stündchen auf dem Deckchair – die Polster müffeln leicht feucht – konzentrieren wir uns wieder auf die inneren Werte des Schiffs. In der Bord-Bibliothek gibt es 29 Bände der Britannica und unzählige andere Bücher. Abgeschnitten von der digitalen Kommunikation, lesen die Passagiere stundenlang, schreiben Reisetagebücher und legen Puzzles aus 250 Teilen. Ich betrachte zum zehnten Mal die Bilder der Bordgalerie: Neu-impressionistische Herbstwälder gibt es schon für viereinhalbtausend Dollar. Für ein bunt-kitschiges Seestück mit Queen Mary vor Sidney – türkise Wellen, rosa Wolken – zahlt der Fan über 18 000 Dollar. Da hätte ich doch lieber drei oder vier kleine Brillantringe aus dem Bordshop von H.Stern. Man wird leicht irre auf dieser Route.

Freitag

Das Meer hat sich beruhigt, zur Abwechslung regnet es. Abwarten und Earl-Grey-Tee trinken. Um 12 wird die Uhr wieder ein Stück vorgedreht. Dann könnte man Samba tanzen mit Vladimir oder Tücher falten mit Imogen, aber wir haben schon wieder Hunger und gehen zum Lunch ins Britannia-Restaurant: kleiner Salat vor einem uns unbekannten Fisch namens Roughy, danach Eiscreme des Tages. Macht das viele Essen dick oder nicht, that's the question. Wir haben zum Glück keine Waage und reden uns ein, dass die Portionen klein sind. Außerdem gehen wir nachmittags in den Canyon Spa Club und strampeln auf dem ächzenden Laufband gut 88 Kalorien ab. Auch zehrt an uns die Frage: Was ziehen wir heute Abend zur dritten und letzten Gala an? Bei der After-Dinner-Show „Apassionata“ wird das Ballett glitzern, ich nicht. Das Paillettenkleid wurde bereits am Dienstag vorgeführt, bleibt nur das kleine Schwarze.

Samstag

Der letzte Seetag. Ist da etwa die Sonne? Zum ersten Mal seit dem Aufbruch glitzert das Meer statt zu schäumen. Es ist kühl, könnte aber schön werden. Zum ersten Mal sehen wir ein anderes Schiff in der Ferne. „We come closer“, wir kommen dem Rest der Menschheit näher, prophezeit eine Lady beim Frühstück. Eine gewisse Unruhe macht sich breit. Plötzlich wird die Zeit knapp. Einige Rätsel können wohl nicht mehr geklärt werden. Hat der Gentleman, der seine Mahlzeiten stets im Stehen einnimmt, einen Spleen oder eine Rückenkrankheit? Wie schmeckt der Toast in den Bereichen der First Class, die hier „Queens Grill“ heißt? Sind eigentlich alle alten Engländer seefest? Im Aufzug wird heftig geplaudert. Man meckert gar nicht. „It was a great experience“, versichert eine amerikanische Blondine, es war ein großes Erlebnis. Genau.

Sonntag

Southampton. Um acht Uhr müssen wir die Kabine verlassen. Versammlung im eiskalt klimatisierten Theater für unsere Gruppe Rot Fünf. 8.30 Uhr werden wir vom Schiff ausgespuckt. Transfer zum Flughafen. Der letzte Tag einer Seereise gilt nicht.

 

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