Wieder nicht abgejubelt

Bestimmt sind frühkindliche Erlebnisse schuld – wie immer, das weiß man ja. Wenn die Altvorderen ihre runden Geburtstage feierten und trunken der Vergänglichkeit trotzten, musste ich ertragen, was ich quälend fand. Da gab es Küsschen vom rotnasigen Onkel Werner, lilafarbenen Heringssalat, grölende Ehrengesänge mit dem Refrain „…nur schade, dass er suff“ sowie den Auftritt meiner Mutter, die zu später Stunde mit geschwärzten Zähnen ein Couplet aus den 1920er-Jahren vorzutragen pflegte: „Sehn se weg von dem Fleck, ist der Überzieher weg." Hei, das war eine Stimmung! Ungeheuer peinlich für das stille Kind, das ich war.

 

Nie, habe ich mir geschworen, wollte ich derlei Exzesse in meinem eigenen Erwachsenenleben verschulden. Launige Spiele, sentimentale Ansprachen und gereimte Scherzreden sollte es meinetwegen bitte nicht geben. Und überhaupt: Was ist schon Besonderes an einer runden Zahl? Reine Willkür, das Dezimalsystem! Kein Fältchen kommt hinzu an so einem Tag mit Null. Obwohl – zunächst schätzt der Mensch ja das Älterwerden ungemein. Fältchen sind als Ehrenzeichen auf dem Weg zur Reife.

 

Der 20. Geburtstag gilt allerdings noch nicht so richtig, weil man früher erst mit 21 mündig wurde und sich heute schon mit 18 selbstständig ruinieren darf. Deshalb schätzt die Jugend die krummen Zahlen höher. Dann erst geht es rund. Ich erinnere mich genau, wie ich mich auf meinen 30. Geburtstag freute, weil ich hoffte, endlich nicht mehr von grauhaarigen Respektspersonen als „das Mädchen“ eingeordnet zu werden. Mit einem großen Ball wollte ich das Ereignis feiern. Daraus wurde dann ein großer Ballon von meinen lieben Kollegen, die mich in der Dachwohnung besuchten. Der Ernst des Lebens hatte durchaus schon eingesetzt, denn mein Mann und ich versuchten gemeinsam, Familienleben (wir hatten ein anderthalbjähriges Baby) und Karriere dynamisch zu koordinieren.

 

Mit 40 waren wir nach all der Anstrengung schon etwas angeschlagen. Aber unternehmungslustig. Zum Geburtstag wünschte ich mir eine Kreuzfahrt in die Karibik. Obgleich ich wegen eines kurz zuvor gebrochenen Zehs (typischer Stress-Unfall) kein einziges Mal zur Musik der Steel-Band an Deck tanzen konnte, genoss ich die Fahrt durch südlich seidige Meeresluft ungemein. Am Abend meines Geburtstages sangen die Kellner „Happy Birthday“. Die anderen Passagiere guckten, das fand ich schon wieder halb peinlich. Ich wollte keinerlei Remmidemmi. Die Gesellschaft meines Liebsten war mir genug. Ich erinnere mich jedoch an eine leichte Unstimmung, weil er fand, die Reise an sich sei Geschenk genug. Es gibt an runden Geburtstagen doch gewisse Grenzen der Lässigkeit.

 

Seither passt er immer auf, wenn ich mit dem Finger auf schöne Dinge zeige – mit dem dezenten Hinweis: „Guck, das wär mal was für mich!“ Zum 50. Geburtstag gab es adäquaten Schmuck für die Dame. Ich hatte allerdings immer noch diese Party-Allergie. Wir feierten fern von allen Freunden mit unserer Tochter an der Côte d’Azur und tranken Champagner in einem verwunschenen Künstlerhotel. Merveilleux! So hatte ich mir das Leben als reife Frau von Welt schon immer vorgestellt.

 

Leider stellte sich jenseits der 50 ein Wahrnehmungsphänomen ein, was ich in der Jugend für puren Blödsinn hielt: Die Zeit fing an zu rasen. Schwupp, waren die nächsten paar Jahre im gierigen Schlund der Vergangenheit verschwunden. Urplötzlich wurde mein Mann 60. Und – es muss am Alter liegen – er wollte keine Reise, sondern ein Fest. Ein großes Fest. An die 100 Leute kamen in die Besenwirtschaft unseres Vertrauens: Kollegen, Nachbarn, Freunde und Verwandte, viele von weit her, lang nicht gesehen. Es gab Reden, zum Glück ungereimt, eine Projektion von Jugendbildern in Endlos-Schleife und rührende Geschenke wie ein Alphornblasen, live. Die Angereisten waren, glaube ich, etwas irritiert, als sie uns in Dirndl und Janker ausgelassen tanzen sahen. Wir fanden es wunderbar.

 

Mit wachsendem Alter gewinnt die Gestaltung des runden Geburtstages offenbar an Bedeutung. „Kaum zu glauben, aber wahr…“ Es ist, als müsse man der schrumpfenden Zukunft noch ein paar unvergessliche Momente abtrotzen und – vor allem – dem zurückliegenden Leben bilanzierend eine befriedigende, wenn nicht grandiose Bedeutung verleihen. Die allgemeine Bestürzung über das Altwerden und das Schwinden der Möglichkeiten wird gern mit kindischen Scherzen überspielt, Anleitungen gibt es im Internet. Sehr in Mode ist derzeit die Aufnahme in den Club der Alten Säcke mit Verleihung des kleinen Sacks am Bande oder auch die TÜV-Prüfung („So Oldie, jetzt wollen wir dich mal aufbocken!“). Ja, die Peinlichkeit wird offenbar immer noch gern gesehen, und ich möchte nicht wissen, wie oft angetrunkene Jubilare ihr Publikum mit einer Karaoke-Version von „My Way“ herausfordern.

 

Ich hab meinen 60. Geburtstag klein gehalten. Ein Dutzend alter Freunde kam zum Brunch – einige waren schon bei meinem 30. dabei gewesen. Ist das wirklich so lange her? Wieso war das Leben dazwischen so kurz? Seltsame Fragen. Aber wir sprachen nicht darüber, schon gar nicht in Reimen. Keiner hielt auch nur die geringste Ansprache. „Auf dich“, hieß es beim Prosecco. Aber in der Nacht dachte ich plötzlich: Ich hätte doch etwas sagen sollen. Etwas Liebevolles, gut Überlegtes. War schließlich ein runder Geburtstag. Tja, Chance vorbei. Aber beim 70., da lasse ich es krachen. Mit goldener Zahl im Lorbeerblatt aus Pappe. Mit allen Freunden, die noch laufen können. Mit Reden, von mir aus in Reimen. Und wehe, einer findet das peinlich…

 

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