Down-Aging ist doof

Herrlich, so ein müßiger Nachmittag! Ich sitze fünfeinhalb Stunden lang im Zug, gucke absichtslos zum Fenster hinaus und esse Doppelkekse mit Kakaocremefüllung nach Baguette mit Butterkäse. Zugfahrten machen hungrig. „Was tun wir denn heute Abend?“ hat vorhin mein Schatz am Telefon gefragt. Na, ist doch klar: Wir gehen zum Italiener und stoßen mit einem Gläschen Prosecco auf unser Wiedersehen an. Was soll das schlechte Leben?

 

Jetzt könnte ich noch ein bisschen lesen. Nä, nicht mein gutes Buch über emigrierte Schriftsteller in Belgien 1936. Zugfahrten machen auch ein bisschen blöde. Ich blättere lieber in einer Frauenzeitschrift mit der sympathischen Titelzeile „Lässig macht schön“. Ein „50er-Check“ soll zeigen, wie unglaublich attraktiv Frauen im reifen Alter heutzutage sind. Das liest man gern. Doch leider war das mit der schönen Lässigkeit nur eine heimtückische Fang-Behauptung. Drei schicke, mit sanftem Schimmer retuschierte Damen um die 50 werden da nach ihrem Lifestyle befragt und diesbezüglich von einem Experten für sogenannte Anti-Aging-Medizin beurteilt. Sehr streng.

 

So empfiehlt der drahtige Professor einer yogaentspannten, joggenden, nicht rauchenden, wochenlang abstinent lebenden, überaus zierlichen PR-Beraterin dringend eine Untersuchung ihrer Blutfettwerte – wegen des gelegentlichen Genusses von Fleisch, Butter und Schokolade. Gelobt wird eine Innenarchitektin, die täglich anderthalb Stunden mit dem Hund läuft, dreimal in der Woche zum Rückentraining geht, bei Zunahme von zwei Pfund ganz auf alles Süße verzichtet und sich – Achtung! – „am Wochenende“ ein Glas Rotwein erlaubt.

 

Eine blonde Einkaufsberaterin namens Birgitta strahlt stolz in dem Bewusstsein, bis zu viermal in der Woche Sport zu treiben (darunter Spinning, jenes gruppendynamische Standradeln in stickigen Räumen) und soeben einen Monat „ohne tierische Produkte, Weißmehl, Zucker und Alkohol“ hinter sich gebracht zu haben. Gratuliere zu diesem selten konsequenten Verzicht auf Genuss! Selbst dem drahtigen Professor geht das zu weit. Er erlaubt, ja, empfiehlt der entschlossenen Frau Birgitta „ab und zu ein Stück Fisch oder Fleisch“. Das ist für ihn vermutlich der Gipfel der Ausschweifung.

 

Ich brauche dringend noch einen Doppelkeks. So wird das natürlich nichts mit dem Trend zum „Down-Aging“, dem Reduzieren des biologischen Alters um gute zehn Jahre durch Verzicht und Disziplin. Mag ja sein, dass für die Gesundheitsapostel 50 das neue 40 ist und irgendwann 80 das neue 35. Ich bleibe lieber, was ich bin, eine lebensfrohe Frau von 60 Jahren. Und gehe heute Abend mit meinem Schatz zum Italiener. Dabei sehen wir vielleicht alt aus, aber wir fühlen uns forever young.

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