Walk on the Wild Side

Ich war schon besorgt. Sollte das Leopardenmuster in diesem Frühling etwa spurlos aus der Mode verschwinden? Wird es zu einer halb peinlichen, halb rührenden Erscheinung – so wie eine zartviolette Tönung in den weißen Haaren alter Damen? Ist da etwa keine Spur von rockender Wildnis mehr zwischen dem puristischem Schwarzweiß und malerischen Kunstprints, die uns derzeit in Frauenzeitschriften vorgeschlagen werden? Muss ich meinen Pariser Leo-Foulard am Ende als Tarzan-Accessoire in die Verkleidekiste meiner Enkelkinder stecken? Macht mich nicht schwach! Aber nein – auf die Designer ist Verlass. Alle Jahre wieder geben sie uns älteren Damen die Muster, die wir lieben, und tun so, als sei es eine ganz neue Eingebung.

Wahrscheinlich wollen die Jungs aus der Branche, häufig von weiblicheren Instinkten geleitet, ihren eigenen Muttis einen Gefallen tun. Thank you, Darlings! Jedenfalls habe ich heute in einem der neuen Fachmagazine für Frauen über 40 oder 50 oder 60 gleich an fünf Stellen die tierischen Tupfer gefunden: auf einer Jeans von Maison Scotch (geschmacklich vielleicht nicht ganz einwandfrei), einer Klapptasche, pardon, Clutch, von Furla, auf superscharfen Stöckelstiefeln von Boden, superbequemen Flachschühchen von Pretty Loafers sowie auf den Stretchhosenbeinen von Schlagerdiva Marianne Rosenberg (58). Und wie ich auf der Website des sympathischen Modeunternehmens Marc Cain aus Bodelshausen sehe, gönnt uns die zeitlos schicke Linie gleich eine ganze Kollektion von großfleckigen Leoteilen — Jacken, Shirts und Hosen, Gürtel und Tücher. Herrlich! Und so spazieren wir munter weiter on the wild side, als wäre nichts geschehen, seit wir die Leoflatterbluse mit den Fledermausärmeln in den frühen 1980er-Jahren wegen ausgerissener Knöpfe entsorgen mussten.

Meine Tochter, eine Anhängerin von Karos und Streublümchen („Mama, das ist klassisch!“), lächelt nachsichtig über meinen Hang zu tierisch bedruckter Mode. Sie braucht dergleichen nicht, denn sie musste nicht so artig sein wie die Kinder unserer Generation, musste nicht bei Tisch schweigen, wenn Papi sprach, und den kaltgewordenen Kochfisch aufessen, um sich dann, irgendwann, mit aller Vehemenz von Zwängen zu befreien. Das alte Raubtiermuster erinnert uns daran, dass wir noch nicht fertig sind mit der Aufsässigkeit. Wir wollen jetzt nicht beige werden und unscheinbar. Die Lady braucht den Leo. Her damit!

 

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