Taktvoll beleuchtet

Als ich am Morgen meines 60. Geburtstags aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich in eine Seniorin verwandelt. Das beunruhigt mich sehr. Denn obwohl der ewig gut gelaunte Zeitgeist jauchzt „He, so jung wie heute waren die Alten noch nie!", bleiben es doch die Alten. Die noch ganz gut aussehen, die noch recht sportlich sind, die noch auf Reisen gehen, sogar bis nach Amerika. Und die vielleicht sogar noch arbeiten. Macht mich ganz kirre, dieses Noch. An jenem Morgen in meinem Bett blies es sich auf und saß schwer auf meiner Brust wie ein Nachtmahr. Das, liebe junge Leute, ist ein veralteter Ausdruck für Albtraum. Noch leben ein paar, die das Wort kennen. Aber wie lange noch? An einem 60. Geburtstag lässt sich der Gedanke an das Schrumpfen der Zukunft nicht mehr verdrängen. Guten Morgen, begrenzte Möglichkeiten!

Birgit KölgenIch schminkte mich schnell, die blassen Lippen brauchen Farbe, das Gemüt braucht Wimperntusche. Wie gestern guckte das Spiegelbild und sah immer noch 59-jährig aus – von Soft-Tone-Birnen taktvoll beleuchtet. Wenn ich lächle, aber nicht zu sehr, und den Kopf schön straff halte, fallen die Hängepartien an Wangen und Hals sowie die botoxfreie Doppelrunzel zwischen den Augenbrauen kaum auf. Zu vermeiden sind allerdings Schnappschüsse von unkontrollierten Gesichtszügen. Da geht es mir wie unserer Kanzlerin, die im Juli 60 wird. Fast gleich alt. Nur, dass sie eine grandiose Position hat. Sie ist zufällig die mächtigste Frau der Welt. Niemand sagt „noch". In der Politik ist das Älterwerden kein Problem. Da funktioniert die Sache mit der Häuptlingswürde. Die ganze Nation lauscht ergriffen, wenn Altkanzler Helmut Schmidt (95) an seiner Zigarette zieht. In der Wirtschaft hingegen sind allenfalls die Unternehmenseigner alt. Alle anderen sollen jung sein. Denn das bedeutet heutzutage nicht, aufmüpfig sein. Sondern im Gegenteil, anpassungsfähig. Durch schlecht bezahlte Praktika und prekäre Zeitverträge eingeschüchtert, bedient die jüngere Generation artig die vorgegebenen Systeme. Man hat ja BWL studiert und nicht Germanistik nach sieben Semestern abgebrochen.

Nun stehen wir da, wir wilden Jungen von gestern und werden bei der Job-Verteilung übersehen. Wir dürfen nicht mehr mitspielen. Nicht mehr – noch so ein Schreckensbegriff. „Sie arbeiten dann doch sicher auch nicht mehr?" fragte man mich freundlich, als mein Ehemann offiziell in Rente ging: „Dann machen Sie doch sicher endlich mal nur noch, was Ihnen Spaß macht." Bitte? Was meinen Sie? Meine Arbeit macht mir Spaß! Und ich werde mich weiter auf dem freien Feld des Journalismus schlagen – wie alle meine alten Freunde und Zeitungskollegen, deren Gewissheiten der großen Umstrukturierung der Medienlandschaft zum Opfer fielen. Nur meine Lehrerfreundinnen sitzen in unserem Alter auf sicherem Posten. Noch. Das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen.

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