Falls es Ihnen gefällt!

Schon sitze ich wieder im Thalys auf dem Rückweg ins Land der allgemeinen Zwanglosigkeit. Ich weiß schon, was mich zu Hause erwartet: kurze Hosen, tätowierte Waden, Unterhemden über Bierbäuchen, keinerlei Contenance. Wenn mir heute Abend einer den Einkaufswagen in die Hacken rammt, dann folgt ein ärgerliches Brummen, weil ich im Weg stand, oder, im besten Fall, ein gemurmeltes „Tschuldigung“. In Paris heißt das: „Pardon, Madame, désolé, ich bin untröstlich, haben Sie noch eine bonne soirée“. Das Austauschen wohlformulierter Höflichkeiten ist nach wie vor eine Selbstverständlichkeit im bürgerlichen Gefüge der Stadt. Das ist schön, aber auch anstrengend für uns maulfaule Deutsche. Besonders morgens, wenn ich die Enkelkinder in die Schule gebracht habe, wo mein neunjähriger Theo bereits von der Lehrerin gesiezt wird (kein Witz!), noch im Café nebenan einen Expresso (mit x) trinken und eigentlich nichts, gar nichts sagen möchte. Wie in meinem heimischen Stammcafé, wo sie alle in die Zeitung schweigen. Keine Chance! Es kommt bestimmt eine der mit ausgesuchter Lässigkeit (und langen Hosen) gekleideten Frauen aus dem Freundeskreis meiner Tochter – „Oh, Madame, Sie sind wieder da!“ – und will, nach Austausch der obligatorischen Küsschen, genau wissen, wie lange ich noch bleibe, was ich denn vorhabe, ob ich die Foujita-Ausstellung im Musée Maillol schon gesehen habe und wie ich sie finde.

Mon dieu, das könnte ich vor zehn Uhr nicht mal auf Deutsch in perlender Weise beantworten, geschweige denn auf Französisch. Ich lächle verzweifelt, stottere, was ich kann, finde alles „très intéressant“ und nehme mir vor, endlich einen fordernden französischen Konversationskurs zu besuchen. Denn Gewandtheit, die braucht man in einem Land, wo es nicht knapp „bitte“ oder „please“ heißt, sondern „s’il vous plaît“, falls es Ihnen gefällt. Sogar die Staubsauger made in France kommunizieren formvollendet. Ich schwör‘s. Heute Morgen erst habe ich erlebt, dass der Robotersauger meiner Tochter piepend auf dem Teppich stehenblieb, auf seinem Display bat, man möge doch seinen Staubbehälter leeren sowie den Filter reinigen, und sich dann ausführlich bedankte: „Merci d‘avoir vidé mon bac à poussière et nettoyé min filtre!“ Bitte, gern geschehen, du süßer kleiner Franzose! Ich werde versuchen, un peu von dieser Finesse mit nach Hause zu nehmen.

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