Wahres Pariser Leben

Ja, da tanzt noch was. Schon das Wort Paris löst eine innere Revue in den Vorstellungen meiner Gesprächspartner aus: Cancan alle Tage, Champagner unterm Eiffelturm, Flirten mit Alain Delon, als er noch jünger aussah, und das Akkordeon spielt dazu, comme ça eben. „Was, Ihre Tochter lebt in Paris? Mit den Kindern? Oh là là, das muss doch ganz toll für Sie sein!“ Äh, schon, im Prinzip. Gerade jetzt, in diesem hochsommerlich heißen Juni, hatte ich mich für ein paar Tage bei den Kindern aufgedrängt, um in Museen und Cafés eine poetische Reportage zu machen. Leider ist das wahre Pariser Leben doch eher eine prosaische Chose. Theo, mein neunjähriger Enkel, hat nämlich Sommergrippe, Mama muss arbeiten, und Oma Birgit hockt nun am Küchentisch in der gar nicht romantischen Mietskaserne am Montparnasse mit Blick auf die Bausünden der 1970er-Jahre, während das fiebrige Kind auf dem Sofa Comics liest. 

Gestern ging’s dem Schatz schon besser, er wollte unbedingt zum Fußballspielen wie an jedem schulfreien Mittwochnachmittag, das war wohl zu viel für ihn. Für mich auch, denn man geht ja nicht mal eben lustig mit den Kindern vor die Tür wie bei uns am Rhein. Nein. Man ist Mitglied in einem von frommen Brüdern geführten, missionarisch geprägten Freizeitverein, wo Pariser Kinder in einem grün gestrichenen Hof zwischen Plattenbauten mit verschlissenen Bällen kicken dürfen, nicht ohne Gebete und scharfe Kommandos. Ein bisschen wie im Slum von Mumbai, vom Gefühl. Aber Theo und Aleks lieben es. Leider haben wir den Bus verpasst. Und sind 40 Minuten durch prekäre Viertel in die fast richtige Richtung gerannt: „Oma, ich kenn den Weg, ach, kannst du nicht mal eben mit in deinem Handy danach suchen?“ Pustend kamen wir an, 20 Minuten zu spät, auf dem Weg hatte ich den Jungs als Not-Déjeuner in einem Express-Supermarkt noch Limo und knallharte Tankstellen-Salami für 18,50 Euro gekauft – da gab‘s überhaupt kein Fußball, „pas de foot aujourd‘hui“. Der Platz war nass oder so. Inmitten frustrierter Kindermädchen und grand-mères sank ich kurz auf eine zerspreisselte Bank. Zum Glück funktionierte der Automat mit dem billigsten Kaffee von Paris: sucré und au lait für 50 Cent. So ist es, das Pariser Leben!

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