Ostfriesisch herb: Die Nordseeinsel Juist

Von Birgit Kölgen

Jeder hat so seine eigene Vorstellung von einer Insel. Wer unter Palmen träumen will, blumenbekränzt, der wäre auf Juist ganz fehl am Platze. Der Nordostwind zerrt an den Haaren und manchmal auch an den Nerven. Der Sand weht überall hin, denn die Insel ist nur ein paar hundert Meter breit und hat dafür einen 17 Kilometer langen Strand. An Regentagen kann man nicht in die parfümierte Schutzzone eines Shopping-Centers flüchten, allenfalls in den Lesesaal im traditionellen Haus des Kurgastes. Auf dem Weg dorthin wird man nass, denn es gibt kein Auto, keinen Bus. Alle gehen zu Fuß oder radeln. Bei jedem Wetter. Und sie atmen dabei die unfassbar reine Luft der Vergangenheit.

Vom Rest der Welt, nur „Festland“ genannt, ist Juist so streng getrennt wie von den Finessen modischer Lebensart. Tja, liebe Porsche-Fahrer, ab Norddeich-Mole geht nichts mehr! Stellen Sie Ihr Statussymbol gebührenpflichtig ab, die Koffer müssen Sie schon selber tragen! Und dann hoffen wir mal, dass Sie eine wetterfeste Jacke haben und den Schiffsfahrplan kennen. Nur bei günstiger Flut, einmal, höchstens zweimal am Tag zu wechselnder, naturgegebener Zeit, bringt eine Fähre der Frisia-Reederei entschlossene Gäste über das Watt zu dem Eiland, das da wie eine leicht begrünte Sandbank vor dem offenen Meer liegt. Manchmal wird überraschend ein sogenanntes Vorschiff eingesetzt. Wann legt das ab? „Wenn’s voll is’“, lautet die friesisch herbe Auskunft. Und wir begreifen: Hier kommen wir mit Alltagsdynamik nicht weiter. Juist verlangt eine gewisse Demut.

Die etwa 1500 Insulaner finden das normal, sie wissen besser als wir, dass es keine Sicherheiten gibt. Nicht einmal die Form ihrer Insel ist beständig. Juist, mutmaßlich  der Rest einer größeren, im frühen Mittelalter untergegangenen Insel, sah in seiner Geschichte oft schon ganz anders aus: breiter, kürzer, zweigeteilt. Ehe der Mensch die wandernden Dünen mit Gras befestigt und die Wege mit Steinen gepflastert hat, riss der „Blanke Hans“ immer wieder die Häuser, Kirchen und Zufluchten der Insulaner in die stürmische Flut. Der Hammersee, ein romantisches Biotop zwischen den Dünen, entstand nach verheerenden Überschwemmungen. An der Ostspitze, wo heute ein einsamer Gasthof, die Domäne Bill, hungrige Wanderer mit Rosinenstuten versorgt, gab es einst einen Ort mit Hafen und Landwirtschaft. Vom Winde verweht ... Derzeit wächst der Hauptstrand langsam in die Breite, und die Strömungen spielen mit den Seitenrändern der Insel wie das Schicksal mit unseren Gewissheiten.

Auf der Überfahrt hat man schon mal anderthalb Stunden Zeit, philosophisch zu werden – bei Bockwurst mit Brot. Dann öffnet sich der Hafen von Juist. Eine ziemlich neue Errungenschaft. Bis 1982 mussten die Gäste auf einem windigen Steg noch einmal umsteigen – in eine Inselbahn, deren Schienen recht abenteuerlich über das Wasser führten. Am Bahnhof wurden die Ankömmlinge mit einem munteren Ritual begrüßt: „Oh, wie blass!“ riefen bereits braun gebrannte Feriengäste. Heute, in der Zeit von Lichtschutzfaktor 50, ist das Sonnenbaden aus der Mode. Es geht eher um die innere Ruhe, die sich schon einstellt, wenn man den Rollkoffer durch die Hafeneinfahrt zieht, Richtung Kurplatz. Vielleicht spielt dort ja gerade das grandios altmodische Kurorchester in seinem Pavillon einen kleinen Donau-Walzer, die fiedelnden Herren kommen meist aus Ungarn. Bestimmt spielen Kinder an dem Süßwasserbecken mit dem Namen Schiffchenteich, wo schon ihre Großeltern spielten, als sie Kinder waren.

Juist ist eine Familienangelegenheit, die Liebe zur Insel wird vererbt. In einer sich ständig verändernden Welt gehört die sture Beständigkeit der Juister Verhältnisse zu den verlässlichen Werten. Die meisten Juist-Gäste sind Wiederkehrer, die das Vertraute lieben. Sie wollen bei Frau Onnen einen Strandkorb mieten, um 11.15 Uhr zur Strandgymnastik mit Gudrun gehen und danach in der 1929 erbauten Strandhalle einen Milchreis mit Zimt und Zucker essen. Sie sind erleichtert, dass die Kutschpferde der autofreien Insel nicht durch Elektromotoren ersetzt wurden, und traurig, dass Wattführer Heino in seinem Haus  kein Softeis mehr verkauft. Sie bauen Sandburgen mit Kinderschaufeln und sehen zu, wie die Flut sie zum Einsturz bringt. Sie radeln gegen den Wind. Sie haben ihre Stöckelschuhe und Krawatten mitsamt dem Erfolgszwang zu Hause gelassen. Sie müssen nur einfachste Entscheidungen treffen: Watt oder Strand? Pommes oder Pfannkuchen? Spazierengehen nach rechts oder nach links? Schwimmen in der ewig kühlen, oft brausenden Nordsee ist wegen gefährlicher Strömungen nur während der Badezeiten erlaubt. Man akzeptiert das. Die Abwesenheit der üblichen zahllosen Möglichkeiten kann ungeheuer beruhigend sein.

Dass Juist mit seinen schlichten roten Backsteinhäusern kaum reetgedeckte Schnuckeligkeiten zu bieten hat, fällt nur Sylt-Fans auf, die sich verirrt haben und ihr Auto sowie den nordfriesischen Lifestyle vermissen. Juist-Fans spotten über Sylter Schickimickis und trinken noch einen Ostfriesen-Tee – mit Kluntjes und Sahne. Die kleinen Genüsse werden hoch geschätzt auf der Insel, deren Ruhe und Gelassenheit eine besondere Art von Luxus darstellt. Ganz zu schweigen von der Luft, deren Heilkraft schon 1783 vom Juister Pastor Gerhard Christoph Janus in einem Brief an Friedrich den Großen gepriesen wurde: „Es ist bekannt, daß die See Luft mit den feinsten Saltz Theilchen angefüllet ist, welche den menschlichen Cörper so wohl durch Einhauchen als auch von außen durchdringen und durch die die resolvirende Kraft das Unreine aus demselben wegschaffen können“, schrieb Janus in der Hoffnung auf preußische Badegäste an den allergnädigsten König – ohne Erfolg. Erst 1840, vor 175 Jahren,  bestellte ein eifriger Inselvogt die ersten drei Badekutschen aus Norderneyer Beständen und empfing ein paar Gäste. Das mondäne Publikum wurde allerdings von der Mühsal der Überfahrt und der Herbheit des Service abgeschreckt.

Um die Jahrhundertwende schließlich konstruierten die Juister einen hölzernen Landungssteg und versuchten den Anschluss an das feine Bäderleben. Professor Schattenburg, ein Architekt aus Münster, baute auf die Düne am Nordstrand ein spektakuläres Grandhotel, das Kurhaus, mit elektrischer Beleuchtung und „allen Bequemlichkeiten der Neuzeit eingerichtet“. 1897 eröffnet, lockte das „Weiße Schloss am Meer“ erholungsbedürftige Herrschaften an den Juister Strand, der König von Sachsen höchstselbst baute Sandburgen mit seinen Söhnen. Aber der Nordwind pfiff auf die Etikette. Eine 1390 Meter lange Mauer, die man zum Schutz vor dem Hotel errichtete, versandete genau so wie eine vornehme Freitreppe zum Strand. Heute ragen nur noch die oberen Pfosten aus dem Boden. Ein Plankenweg führt zum Meer, das passt zu Juist.

Das weiße Schloss passt nicht – und ist doch bis heute, nach krisenhaftem Leerstand und mühseliger Sanierung,  wieder eine bessere Adresse mit Eigentumswohnungen und Hotelbetrieb. Schon von der Fähre aus sieht man es leuchten. Das Postkartengeschäft wäre ärmer ohne das prächtige Kurhaus. Heute würde allerdings keiner mehr ein solches Protz-Bauwerk auf die Insel setzen. Man trinkt seinen Sonnenuntergangs-Cocktail in einer Schirmbar auf der Hohen Düne. Neue Ferienhäuser, an denen übrigens nur außerhalb der Saison gebaut werden darf, sind klein und rot verklinkert nach ostfriesischer Art. Balkone gehören zu den Zugeständnissen an die Gegenwart, genau wie ein paar Boutiquen mit Sportswear der gehobenen Art. Aber keine Angst: Zu viel neumodischen Kram lassen die Juister nicht zu. Der gehört aufs Festland.

 

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