Madam braucht keine Schuhe

Die Malediven im Indischen Ozean bieten Touristen paradiesische Verhältnisse und bemühen sich um ökologisches Wirtschaften

Von Birgit Kölgen

Nachtfrost droht. Da kann man ja schlecht barfuß laufen. Aber die Stiefel kneifen wie so manches im deutschen Alltag. Wieso begrüßt man mich nicht an jeder Ecke mit einem Lächeln: „Good mornin’, Madam!“ Wieso reicht mir hier eigentlich nie einer fürsorglich ein feuchtes, duftendes Waschläppchen? Ach, man ist verdorben für die Sachlichkeiten der westlichen Zivilisation, wenn man ein paar Tage auf den Malediven war!

Das Paradies ist ein eigenständiger Staat. Aber ein Land in unserem massiven Sinn ist es nicht. Die Malediven bestehen aus 1190 mehr oder weniger winzigen Inseln im Indischen Ozean, Spitzen versunkener Vulkane nur, auf die Wind und Vögel ein paar Palmen gepflanzt haben, die prächtig gedeihen im warmen tropischen Regen. Lediglich 192 dieser Flecken im Meer sind überhaupt bewohnt, es gibt insgesamt nur etwa 300 000 Malediver. Ein Volk von Fischern, das erst seit 30 Jahren den Tourismus kennt. Auf 87 einsame Inseln, getrennt von den Einheimischen, wurden nach und nach Hotels in den weißen Sand gebaut. Was heißt Hotels? Es handelt sich eher um kleine Siedlungen. Kein Gebäude ist höher als die Palmen, jeder Gast hat sein Häuschen am Strand oder am Steg und kann direkt hinausschwimmen von der eigenen Terrasse zum nächsten Korallenriff. Die Natur hat das Wasser ganz unerhört türkis gefärbt – so sieht der Traum aller grauen Bürotage aus.

Und ich war mittendrin. Aber zunächst mal undankbar. Nach einem Nachtflug mit Zwischenlandung in Sri Lanka und einem abenteuerlichen Transfer in einem dröhnenden Wasserflugzeug von der Flughafeninsel Hulule auf die Ferieninsel Velavaru kann auch die Überreichung eines duftenden Waschläppchens die genervte Reisende erst einmal nicht so richtig erfrischen. 30 Grad liegen in der feuchten Luft. Es ist viel zu heiß in der Stützstrumpfhose gegen Langstrecken-Thrombose. Und es gibt noch nicht mal in der Lobby des Resorts „Angsana“ festen Boden unter den Füßen, die Pumps versinken im Sand, es piekt. Deshalb trägt auch keiner Pumps auf den Malediven. Höchstens Flipflops. Oder man läuft barfuß.

Aber das piekt auch, findet die ungnädige Madam und stolpert in ihre „Villa“, wo eine Air-Condition wummert. Auch sonst gibt es allen Komfort: Minibar und blütenweiße Wäsche und Whirlpool im Garten, alles im neuen, coolen Design. Draußen harken dienstbare Geister die Sandwege, jeden Tag einmal werden die Moskitos ausgeräuchert – auf einem Eiland, das in einer Viertelstunde umrundet werden kann. Die Inseln der Bevölkerung werden nie geharkt und ausgeräuchert. Irgendwie absurd, diese Trennung, diese Gegensätze! Das denkt der kritische Mensch am ersten Tag. Am zweiten Tag denkt er gar nichts mehr, sondern liegt grinsend unter der Palme, nicht ohne zwischendurch ein wenig in den türkisfarbenen Wellen zu schaukeln. Vielleicht kommt ja mal ein Babyrochen vorbei. Keine Angst, der will nur spielen.

Eifrigere Leute schnorcheln weiter draußen auf der Suche nach dem blaugestreiften Snapper und anderen bunten Fischen. Zur Beruhigung des ökologischen Gewissens kann man unter fachkundiger Anleitung sogar abtauchen und Korallen mit Kabelbinder an stählerne Unterwassergerüste pflanzen. Mit dieser Art von Meeresgarten versucht Abdul Azeez Abdul Hakeem, die Verluste durch Klimawandel und Korallenbleiche wieder auszugleichen. Der 60-jährige Chefkonservator der Hotelkette Banyan Tree hält ernste Vorträge über das empfindliche Gleichgewicht der ozeanischen Bio-Systeme. Die Gäste nicken brav und holen sich noch ein bisschen Appenzeller Käse vom Büffet.

Auch auf Cappuccino, Lounge-Musik und Landliebe-Joghurt muss Robinson in den Resorts nicht verzichten. Der Tourismus mit seinen Begehrlichkeiten, das steht fest, ist immer eine Belastung für das Öko-System. Aber auf den Malediven gibt es wenigstens keine Hoteltürme, und man bemüht sich um Begrenzung des Mülls, Züchtung eigener Kräuter und Früchte sowie nachhaltigen Einsatz einheimischer Materialien. Selbst im luxuriösen „Conrad Maldives“ auf Rangali Island, einem Prestige-Objekt der Hilton-Gruppe, wo sich auch Fernsehstars wie Johannes B. Kerner und Kai Pflaume amüsieren, sind die Dächer aus Palmenstroh und die Böden von Bars und Restaurants aus Sand. Doch vor allem ist das Leben süß.

In geräumigen Beach- oder Wasser-Villen mit Springbrünnlein und Outdoor-Bad genießt der Gast eine Ungestörtheit, die insbesondere japanische Flitterwöchner und junge deutsche Familien mit gehobenem Einkommen zu schätzen wissen – sofern der Haussegen nicht gerade schief hängt. Einzelreisende fühlen sich vielleicht ein bisschen einsam zwischen den Eidechsen in ihrem persönlichen Regenwald-Gärtchen. Kein Problem, es gibt auch geselligere Bereiche wie den „Infinity Pool“, dessen Azurblau so vortrefflich zum Türkis des Meeres passt, oder das Ithaa-Restaurant in einer gläsernen Kuppel fünf Meter unter dem Meeresspiegel, wo Nicht-Taucher mit den Fischen liebäugeln können.

Ein romantisches Boot bringt die Gäste auf das zweite Eiland des Resorts, wo hin und wieder Katie Appleton, Yoga-Guru aus London, mit ausgewählten Gästen den Sonnengruß turnt – Erleuchtung garantiert. Während wir uns in der Abenddämmerung verrenken und nach Katies Anweisung unsere Unfreiheit ausatmen, lässt sich im weißen Sand ein Paar trauen und gondelt dann in den Sonnenuntergang. Nur so zum Spaß, die Zeremonie hat keinerlei rechtlichen Wert. Verlogener Kitsch, würde ich normalerweise dazu sagen. Aber jetzt doch nicht. Ich duze längst alle („Hi, I’m Birgit!“), denn ein freundliches Thai-Mädchen hat mich im Water-Spa mit grünem Öl für mein Herz-Chakra massiert. Das fördert Toleranz und Liebe. „I let go, I relax“, steht auf meinem Wellness-Kärtchen, und ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder Schuhe zu tragen. Aber schon am nächsten Morgen wird mir zum letzten Mal ein duftendes Läppchen gereicht. „Good bye, Madam!“ Nachtfrost droht.

Tipps & Informationen

 Die Malediven bestehen aus 1190 Inseln südwestlich der indischen Küste. Hauptstadtinsel: Malé, Staatsreligion: Islam.

Klima, Gesundheit:
Ganzjährig tropisch warm, tagsüber um die 30, nachts 23 Grad. Wasser: 27 Grad. Regenzeit im Sommer, von November bis April fast nur Sonnenschein. Die Malediven sind malariafrei. Impfungen nicht vorgeschrieben. Ausreichend Sonnenschutz und eine Reiseapotheke mitnehmen!

Anreise, Geld:
Es gibt wenige Direktflüge von Deutschland nach Malé (LTU, Condor). Die Fluglinie Sri Lankan Airlines macht einen Zwischenstopp in Colombo. Von der Flughafeninsel Hulule bei Malé aus geht der Transport mit Wasserflugzeugen weiter auf die Ferieninseln. Touristen zahlen auf den Malediven mit US-Dollars. Achtung! Die Nebenkosten in den Resorts sind hoch.

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