Hermann Bareiss – ein Top-Hotelier aus dem Schwarzwald

Von Birgit Kölgen

Man kann die Geschichte des Hoteliers Hermann Bareiss nicht erzählen ohne die Geschichte seiner Mutter Hermine. Denn diese Frau, an deren energisches Lächeln eine Bronzebüste am Hoteleingang erinnert, hatte vor 60 Jahren den Mut, in einer unscheinbaren Schwarzwälder Streusiedlung namens Mitteltal ein Kurhotel zu eröffnen, das heute zu den Lieblingszielen reisender Feinschmecker gehört. Hermines Willenskraft prägte auch den Lebensweg ihres Sohnes Hermann, einem Grandseigneur der deutschen Hotellerie und Spitzengastronomie. „Sie war ungemein lebenstüchtig", sinniert er, wenn er an seine Mutter denkt, „eine gute Geschäftsfrau und eine noch bessere Gastgeberin."

Zunächst einmal war Hermine Schmalzried ein schickes Fräulein aus Düsseldorf, wo sie, eine schwäbische Großbauerntochter, mit ihrem älteren Bruder eine Metzgerei betrieb. Ende der 1930er-Jahre besuchte sie in Mitteltal ihren jüngeren Bruder, der gerade als Eleve bei dem schmucken Förster Jakob Bareiss weilte. Eine Liebe wie aus dem Heimatfilm... Aber erst ein Jahr später, erzählt Hermann, schrieb Jakob dem verehrten Fräulein Schmalzried nach Düsseldorf. Sie verabredeten sich auf neutraler Strecke, am Bahnhof Karlsruhe. Dort, im Bahnhofsrestaurant, machte ihr der Förster einen Antrag. 1939 wurde geheiratet – kein gutes Jahr für das Glück. Jakob Bareiss, der in den Krieg zog, sah seine Frau nur im Heimaturlaub. Das Familienleben mit Tochter Heide, geboren 1942, und Sohn Hermann, geboren 1944, blieb ein Traum. Der junge Vater fiel im April 1945, am Ende des Krieges. Seine Witwe Hermine musste allein weitermachen.

Sie wäre am liebsten nach Düsseldorf zurückgegangen. Doch das lag in Schutt und Asche. So blieb sie in Mitteltal und pachtete 1947 den armseligen Gasthof „Kranz", wo sie für französische Holzfäller kochen konnte. Es gab auch ein paar Fremdenzimmer, ausgestattet mit Waschkrügen. „Ganz primitiv", stellt Hermann Bareiss fest. Doch bald kamen die ersten Erholungssuchenden aus den verrußten Städten, „Luftschnapper" wurden sie genannt. Ab 1948 zahlten sie mit der neuen harten Mark. Hermine sparte auf eine eigene moderne Pension mit fließend kaltem und warmem Wasser. Daraus wurde das Kurhotel Mitteltal, eröffnet im Mai 1951. Ein Architekt hatte das Haus viel zu groß für die bescheidenen Möglichkeiten der Zeit gebaut. Mehr als sechs Zimmer konnte die Wirtin zunächst gar nicht einrichten, aber: „So ging das los", freut sich Hermann Bareiss, der damals noch ein kleiner Schwarzwaldbub war.

1953 gilt als die erste gute Saison, es kamen auch Gäste aus Privatquartieren zum Essen ins „Jägerstüble" des Hotels. Allgemein ging es aufwärts im Land, man wollte feiern, nach dem Motto: Hurra, wir leben noch. Vom Speisesaal wurde kurzerhand eine Ecke abgetrennt und als Bar eingerichtet, wo Bier, Sekt und Schnaps in Strömen flossen. „Die Verdienstecke" nannte Hermine Bareiss das. Nach und nach konnte sie ihr Hotel ausbauen. Es wuchs und wuchs mit dem Wirtschaftswunder. In einem neuen Gästehaus gab es Zimmer mit eigenem Bad und WC. „So einen Komfort", schmunzelt Hermann Bareiss, „hatte man noch nie gesehen".

Und wo blieb der kleine Hermann in dem emsigen Betrieb? Der musste nach der Grundschule fort von zuhause, in ein oberschwäbisches Internat, das Knabeninstitut von Wilhelmsdorf. Heimweh hatte das Kind – „das war schlimm". Aber die Mutter wollte, dass der Bub etwas Zielgerichtetes lernte. Nach Schule und Kochlehre führten ihn seine Wanderjahre über Paris und London bis nach Kairo. 1965 wurde er Direktionsassistent im renommierten Hotel Bachmair am Tegernsee und hätte weiter anderswo Karriere machen können. Doch 1966 rief die Mutter an und sagte, entschlossen wie immer: „Entweder du kommst nach Hause, oder ich verkaufe das Hotel!"

Wenn es ein Zögern gab oder gar einen Konflikt, so erzählt Hermann Bareiss nichts davon. Im Hotel Bareiss konzentriert man sich grundsätzlich auf das Positive. 1966 kam er jedenfalls nach Hause und 1973 übernahm er den Betrieb von der Mutter, die allerdings bis an ihr Lebensende 19xx im Hotel wohnen blieb und mit untrüglichem Instinkt darüber wachte. In den 70er-Jahren – es gab bereits Schwimmbad und Sauna – boomte das Tagungsgeschäft. Aber die Feriengäste beschwerten sich über die dominanten Geschäftsleute. „Das hat sich nicht vertragen", bemerkt Bareiss. Kurz entschlossen strich er die Spesenritter von der Gästeliste.

Das Kurhotel Mitteltal, das seit 1992 den Namen der Familie trägt, ist seither ein reines Ferienhotel, eingerichtet im eleganten Landhausstil, geprägt von großbürgerlicher Behaglichkeit. Eine Badelandschaft mit beeindruckenden Pool-Variationen, Fitness- und Beauty-Programme sowie eine professionelle Kinderbetreuung gehören selbstverständlich dazu. Im Gourmetrestaurant brilliert der Drei-Sterne-Koch Claus-Peter Lumpp, einer der großen Genuss-Zauberer Europas. Doch auch die ganz normale Hotelküche ist exzellent. Und es entstehen immer neue Attraktionen rund ums „Bareiss": eine Wanderhütte, ein Wunderheiler-Museum, ein Waldpark.

Wichtiger aber ist dem Chef, was er „die Software" nennt: „Gastfreundschaft von ganzem Herzen". Die Mutter hat es vorgegeben: „Es gibt kein Nein für den Gast!" Barsche Antworten oder Unaufmerksamkeiten wird man in dieser Hochburg des exzellenten Service nicht erleben. „Die Menschen in der globalisierten Welt", weiß Bareiss, „haben eine große Sehnsucht nach Heimat, Geborgenheit, Zuwendung." Ein Stück davon sollen sie in seinem Hotel finden, wo man sich jeden Namen merkt und auch, dass jemand frischen Karottensaft zum Frühstück wünscht. Rund 250 Mitarbeiter betreuen 230 Gäste. Der Chef selbst, elegant mit silbernen Locken und seidenem Einstecktuch, macht täglich die Honneurs und hat für jeden ein charmantes Wort. Am nächsten Morgen zieht er vielleicht Jeans an und wandert mit ein paar Gästen in den nahen Wald. Das gehört zum Gegenwärtigsein in seinem Reich. Nichts entgeht seiner Aufmerksamkeit. Persönlich sucht er all die Bilder, Uhren und Dekorationsstücke aus, die das Bareiss so gemütlich machen. Und er lächelt, und er lächelt.

Das klingt sehr anstrengend. „Ist es auch", gibt Bareiss zu. Doch nie, behauptet er, habe er sich hinausgewünscht in ein anderes Leben: „Jeder Tag bereitet mir Freude." Zumal es ihm gelungen ist, seine beiden Söhne gleichfalls für das Geschäft zu begeistern. Beide sind gelernte Köche und studierte Wirtschaftswissenschaftler. Während der ältere, Christian (34), in Düsseldorf eine „Dorfstube" nach Schwarzwälder Art aufgemacht hat, unterstützt der jüngere, Hannes (32), den Vater als zweiter Geschäftsführer im Hotel Bareiss. „So wie er hineinwächst, werde ich mich zurücknehmen", sagt Hermann Bareiss. Aber so ganz kann man das nicht glauben.

www.bareiss.com

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