Die Kraft der Schatten

Das Neu-Ulmer Edwin Scharff Museum würdigt das furiose Werk des Nazi-Opfers Elfriede Lohse-Wächtler

Von Birgit Kölgen

Neu-Ulm - Manchmal ist das Schicksal eines Künstlers so übermächtig, dass man erst einmal davon berichten muss. Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940), eine expressionistische Malerin, die in der Psychiatrie Schutz gesucht hatte vor ihren inneren Dämonen, geriet zum Entsetzen ihrer hilflosen Familie in das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten. Sie wurde entmündigt, zwangssterilisiert und schließlich in die Gaskammer geschickt – als „lebensunwertes Leben“. Diese Fakten dürfen nie vergessen werden. Und doch sind sie nicht der Anlass für die neue Ausstellung im Neu-Ulmer Edwin Scharff Museum. „Es geht hier um die Kunst“, betont Direktorin Helga Gutbrod. Elfriede Lohse-Wächtler hat ein kraftvoll-düsteres Werk hinterlassen, mit dem sie Kollegen wie Otto Dix durchaus Konkurrenz machte. Über ein Jahrhundert hinweg fesseln die Blicke ihrer furiosen Selbstbildnisse den Betrachter.

Schon als kleines Mädchen, das in einer Dresdner Dachgeschosswohnung aufwuchs, träumte Anna Frieda Wächtler von der Kunst. Zehnjährig zeichnete sie sich „mit Krone und Blume im Haar“ – eine kleinbürgerliche Prinzessin, die genau wusste, was sie wollte: Malerin werden. Auf Druck des Vaters studierte sie 1915 zwei Semester lang „Mode und weibliche Handarbeiten“ an der Dresdner Kunstgewerbeschule. Was sie dort lernte – das Batiken zum Beispiel – sollte ihr später durch magere Zeiten helfen. Aber es genügte ihr nicht. Sie zog lieber von zu Hause aus, nahm sich eine Studentenbude und wechselte in die gemischte Fachklasse für Grafik.

Frei wie ein Mann wollte sie leben. Bevor das allgemein in Mode kam, schnitt sich Elfriede die Haare kurz und rauchte Pfeife, dass es nur so qualmte. Als „Nikolaus Wächtler“ schrieb sie expressionistische Gedichte: „Von Licht und Geist / Durchdrungen! / Umgeben! / Wollen wir leben, / Das Leben!“ Ein paar historische Fotos führen vor, was „Laus“, wie Elfriede von ihren Freunden genannt wurde, damit meinte. Man sieht sie in Pumphosen beim Ausdruckstanz und splitternackt auf dem Kanapee. Eine zierlich gestaltete Lithografie zeigt eine „Umarmung“ im indisch-erotischen Stil. „Laus“ war verliebt – in den Gelegenheitssänger und Tunichtgut Kurt Lohse, den sie 1921 heiratete.

Ein Jahr lang wohnt das Paar à la Bohème in einem Häuschen am Steinbruch. Dann folgt eine ruhelose Zeit voller Krankheiten und Krisen. Kurt bändelt in Hamburg mit einer anderen an, Elfriede wird 1929 nach einem Nervenzusammenbruch in die dortige Staatskrankenanstalt Friedrichsberg eingewiesen – und erlebt danach ihren Durchbruch als Künstlerin.

Die sogenannten „Friedrichsberger Köpfe“ – eine Reihe schonungsloser Porträts von Ärzten und Patienten – begeistern die Kritik. Elfriede Lohse-Wächtler wird als „eine der stärksten Hamburger Begabungen“ bezeichnet.

Um 1930 entstehen Bilder, die auch heute niemanden gleichgültig lassen. Die junge Frau arbeitet ungern in Öl, lieber benutzt sie Aquarellfarben und vor allem verwischbare Pastellkreiden. So kann sie Figuren schaffen, die sich in Auflösung befinden, und doch mit wenigen scharfen Linien die Konturen festhalten und mit leuchtenden Farben Akzente setzen. Sie malt die Huren und Freier von St. Pauli, die Glücklosen und Abgerackerten, die Gespenster der Großstadt. Sie porträtiert den Schuster mit den knotigen Händen, die ausgemergelte „Blumenalte“, den „Suppe löffelnden Mann“.

Wie Dix und Grosz erkennt Elfriede Lohse-Wächtler den desolaten Zustand der Gesellschaft, doch sie malt mit mehr Empathie, denn sie ist selbst eine der verlorenen Seelen. In bitterer Armut irrt sie umher, kann die Miete nicht zahlen, übernachtet am Bahnhof. In etlichen Selbstporträts, als „Absinthtrinkerin“ oder bei der „Zigarettenpause“ untersucht sie ihren Zustand: die Schatten unter den Augen, den wilden Blick, den trotzigen Zug um den vollen Mund. „Irgendwann“, so Helga Gutbrod, „kann sie nicht mehr.“ In ihrer Verzweiflung flieht sie zurück ins Elternhaus, wo die Konflikte mit dem strengen Vater nicht lange auf sich warten lassen.

Ob ihre Eigentümlichkeit, ihr Eigensinn, ihre Stimmungsschwankungen tatsächlich psychotisch waren, kann man aus heutiger Sicht kaum sagen. 1932 lässt ihr Vater sie in die sächsische Landesanstalt Arnsdorf einweisen, nur noch als Besucherin kommt sie da heraus. 1935 betreibt der treulose Ehemann Kurt Lohse, inzwischen Vater etlicher Kinder, die Scheidung – wegen „unheilbarer Geisteskrankheit“. Sie wird entmündigt.

Noch ahnt niemand, dass Lohse damit das Schicksal seiner Ex-Frau besiegelt. Die Ärzte in Arnsdorf, Anhänger des infamen „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, leiten die Zwangssterilisation der Patientin ein. Ihre Werke, vormals gerühmt, gelten als „entartet“. Wahrscheinlich wird sie unter Drogen gesetzt und drangsaliert. Jedenfalls malt sie nur noch artige Postkarten mit Rosen, Stiefmütterchen, Ostergrüßen in Girlanden.

Ein letztes Foto zeigt sie 1938 bei einem Besuch zu Hause – eine erloschene, seltsam biedere Frau im kittelartigen Kleid. Am 5. März 1940 schreibt sie an ihre Mutter eine Karte mit Grüßen an Tante Hedwig, in steifen Druckbuchstaben, mit Sicherheit zensiert. An den Rand quetscht sie noch ein PS: „Ängstige Dich nicht immer so sehr, es wird schon alles wieder gut werden.“ Bald soll die Mutter sie wieder mal nach Hause holen, der Antrag ist genehmigt. Doch am 31. Juli 1940 kommt ein grauer Bus, um eine Gruppe Patienten abzuholen. Sie werden nach Pirma-Sonnenstein gebracht, einem umgebauten Sanatorium. Dort untersucht man sie und schickt sie zum Duschen in einen Kellerraum. Niemand weiß, wann die Opfer begriffen, was da geschieht. Das Gas wird aufgedreht. Etwa zehn Minuten dauert der Todeskampf. Den Eltern schickt man zwölf Tage später die Nachricht, dass Elfriede Lohse-Wächtler an Lungenentzündung und Herzmuskelschwäche gestorben sei.

„Elfriede Lohse-Wächtler: Ich allein weiß, wer ich bin“: bis 12. Januar 2014 im Edwin Scharff Museum Neu-Ulm, Petrusplatz. Di. und Mi. 13 bis 17 Uhr, Do.-Sa. 13 bis 18 Uhr, So. 10 bis 18 Uhr. Der Katalog „Elfriede Lohse-Wächtler“ im Wasmuth Verlag erschien schon 2008 anlässlich einer Ausstellung im Zeppelin Museum Friedrichshafen und kostet 24,80 Euro. www.edwinscharffmuseum.de

Artikel

Kunst

Wer bietet mehr? Die schicken People von der Kunstfront sind schon ganz erschöpft.
Die Macht des roten Mohns Der Mann aus dem Norden liebte die Blumen: „emporsprießend, blühend,
Die Kraft der Schatten Manchmal ist das Schicksal eines Künstlers so übermächtig, dass man erst einmal davon berichten muss.
Alle Artikel Kunst anzeigen

Literatur

Das Schicksal kann sich täuschen Sorry, ich habe den neuen Kehlmann erst gestern ausgelesen. Ein bisschen spät, ich weiß.
Liebe, Wahrheit, Freiheit und Krebssuppe Man könnte natürlich zum Eiffelturm fahren. Pardon, Madame, das ist nicht originell!
Weiße Feder gefunden Eigentlich traut man sich ja nicht, etwas Fieses über die Bücher von Paulo Coelho zu schreiben.
Alle Artikel Literatur anzeigen

Lebensart

Spieglein, Spieglein ... Hallo, Sie da, zeigen Sie sich mal! Die Zeiten der vornehmen Zurückhaltung sind passé.
Her mit der Glückstüte Irgendwann muss es ja geschehen sein. Ohne es zu bemerken,
Schluss mit hektisch So ein Samstag hat es in sich. Keiner muss ins Büro. Aber alle wissen, was sie zu tun haben:
Alle Artikel Lebensart anzeigen

Reise

Ostfriesisch herb Jeder hat so seine eigene Vorstellung von einer Insel. Wer unter Palmen träumen will, blumenbekränzt, der wäre auf Juist ganz fehl am Platze.
Madam braucht keine Schuhe Nachtfrost droht. Da kann man ja schlecht barfuß laufen.
Ganz schön aufgetakelt Diese Sportler denken immer nur an das Eine. „Kann ich denn da laufen“,
Alle Artikel Reise anzeigen

Glosse

Eher still Kürzlich beschwerte sich eine Leserin, dass wir an dieser Stelle immer nur über das Leben verheirateter Menschen zu berichten hätten.
Büroseufzer Sie ist so nett, unsere neue Technik. Sie lässt den Menschen nicht länger allein mit seinem Unvermögen.
Boutiquenzwang Es soll ja Frauen geben, die das Einkaufen hassen.
Alle Artikel Glosse anzeigen

Portrait

Das Mädchen und die Macker Werte Herren, entspannen Sie sich! Attacken auf Alice Schwarzer,
Auch die Kunst braucht einen Macher Er ist Schlossherr in Mochental. Dort, auf dem grünen Hügel bei Ehingen,
Immer nur lächeln Man kann die Geschichte des Hoteliers Hermann Bareiss nicht erzählen
Alle Artikel Portrait anzeigen